Wir planen heute eine größere Etappe. Ca. 330 km sind es nach Gen’yen, einer Bergregion westlich von Litang. Und da man hier in den Bergen nicht so schnell vorankommt, muss man mit ca. 8 Stunden für die Strecke rechnen. Doch vorher wollen wir nochmal das Lhagang Kloster von Tagong besuchen und schauen, ob wieder irgendeine Zeremonie stattfindet. Doch wir treffen es noch besser. Ohne es zu wissen oder gar geplant zu haben, stolpern wir in das Mask Dance Festival vom Lhagang Monastery. Wir bleiben natürlich deutlich länger als geplant und überlegen, ob wir unsere weiteren Pläne umschmeißen sollten, um den vollen und nächsten Tag zu bleiben und noch das traditionelle Ausrollen des Thanka mitzuerleben. Am Ende entscheiden wir uns, dass man nicht alles haben kann und sind zufrieden mit dem, was wir bereits miterleben durften und setzen unsere Reise fort.
Die Weiterfahrt auf der berühmente G318, der Fernstraße, die von Shanghai bis nach Lhasa in Tibet führt, stellt sich jedoch als absolute Hölle heraus. Unsere Vorstellung und auch was wir vorher gelesen haben, haben ein etwas sehr romantisches Bild der G318 gezeichnet. Der Verkehr auf der Straße ist extrem. Jede Menge Trucks auf dem Weg Richtung Tibet und dann wer weiß noch wie weit und unendliche Massen chinesischer Touristen verstopfen den Highway konstant.
An dieser Stelle fangen wir das erste Mal an ernsthaft an unserer Reise zu zweifeln und einen gewissen Hass auf Chinesen zu entwickeln. Es gibt jede Menge netter Menschen, die man treffen kann, keine Frage. Aber die Anzahl an Idioten, Arschlöchern und Egoisten ist einfach zu hoch. Mit aggressiven Autofahrern habe ich kein Problem. Leute, die sich in jede Lücke drängeln, alles fein. Aber was wir auf der G318 erlebt haben, übertrifft einfach alles und lässt uns an der gesamten Menschheit zweifeln. Typische Situation: Ein Lastwagen kämpft sich die Serpentinen hoch und fährt entsprechend langsam. Dahinter bildet sich eine lange Schlange, soweit normal. Doch auch wenn klar ist, dass alle irgendwann an diesem LKW vorbeimüssen gibt es eine riesige Menge an Fahrern, die ohne Rücksicht auf Gegenverkehr oder Kurven versuchen die Schlange zu überholen, weil sie sich einen persönlichen Vorteil davon versprechen. In der Konsequenz kommt es ständig zu Beinaheunfällen und kompletten Verkeilungen im Verkehr, weil weder auf der rechten Spur Platz ist, das Fahrzeug wieder reinzulassen, noch auf der Gegenspur, weil dort der Gegenverkehr zum Stillstand gebracht wurde, was wiederum dort zu so einem Rückstau führt, dass dann auch der LKW an der Spitze des Staus nicht mehr um die Kurve kommt und alles zusammenbricht. Was dabei so unglaublich bescheuert ist, dass diese Idioten es noch nicht einmal raffen, dass sie selbst schneller vorankämen, wenn man nur ein ganz klein wenig gesunden Menschenverstand an den Tag legen würde. Man muss jederzeit davon ausgehen, dass irgendein Volltrottel einem auf der eigenen Spur plötzlich in der Kurve entgegenkommt. Dann wird an allen möglichen und unmöglichen Stellen auf der Straße einfach angehalten, völlig unberührt davon, wie vielen Menschen man dadurch das Leben schwer macht und noch alle weiteren Idiotien, die man sich nur vorstellen kann. Und so wundert es uns natürlich nicht, dass wir dann irgendwann auch an der Folge einer solchen Idiotie vorbeikommen. Die Krankenwagen haben wir noch abfahren gesehen – die Autos sind einfach Frontal in einer Kurve zusammengerast. Und das waren jetzt nur ein paar Beispiele vom Straßenverkehr. Aber leider auch sonst benehmen sich zu viele Menschen einfach zu beschissen.



Immerhin schaffen wir es nur kurz nach Einbruch der Dunkelheit in unserem Hotel in Gen’yen anzukommen und müssen die nächste Enttäuschung erleben. Die Region entwickelt sich gerade touristisch extrem. Überall entstehen neue Gästehäuser und Hotels und auch unser Hotel für die Nacht ist fast neu. Bedingt durch den noch bestehenden Mangel an Unterkünften und den Massen, die diese Region jetzt wohl entdeckt haben, sind die Übernachtungsgelegenheiten hier extrem überteuert. Dafür bekommt man ein dermaßen schäbiges Zimmer, das in so schlechter Qualität errichtet wurde, dass es unmittelbar nach der Fertigstellung sofort anfängt wieder auseinanderzufallen. Als I-Tüpfelchen darauf, gab es nicht mal richtige Handtücher sondern papierdünne Einmalhandtücher und das zu einem Zimmerpreis, für den man in Chengdu das Waldorf Astoria bekommt.
Mit wenig Vorfreude schauen wir auf den nächsten Tag, an dem wir die eigentlich wunderschöne Region erkunden wollen.


